„Not every martial art is a fighting art“

In Anlehnung an dieses Zitat Dave Lowrys (LOWRY 2009: 76), meinen Artikel zur rückwirkenden Konstruktion der Selbstverteidigung im Karate und den üblichen Diskussionen der immer gleichen Personen in den Internetforen und Facebook-Gruppen sehe ich mich zu den folgenden Zeilen inspiriert.

Selbstverteidigung… Kämpfen… Selbstbehauptung… Gewalt… Deeskalation… Notwehr… Realität… Diese Schlagworte wabern mal mehr mal weniger lange durch ein Kontinuum, das überwiegend durch Theoretiker, Athleten, Funktionäre, Politiker und besorgte Eltern erzeugt wird. Vergleichbar mit dem ewigen Diskurs um den Wert und die Wirksamkeit schwarzer Gürtel (der meist von denen ständig aktualisiert wird, die nie einen schwarzen Gürtel erlangt haben) wird herumgeeiert. Blockbuster erhalten den Mythos der lebensgefährlichen Tiefgaragen aufrecht. Der Populismus kriminalisiert bestimmte Bevölkerungsgruppen. Und währenddessen gibt es tatsächliche Gewalt auf den Straßen, in Nachtclubs, an Fasching (Karneval) usw., gegen die nichts zu helfen scheint.

Es fehlen in den meisten Fällen klare Definitionen, die notwendig sind, um zu einem Konsens zu kommen. Was z.B. ist „Gewalt“, was ist Deeskalation, was bedeutet „Realität“ usw.? Was ist Karate? Was sind „Prinzipien“? Was bedeutet der schwarze Gürtel in der Praxis in Deutschland, den USA, Japan usw.? Dazu fehlen i.d.R. konkrete „Daten“ bzw. umfassende, implizite Erfahrungen (da es sich um eine Praxis handelt). So wird zuerst aus der eigenen Perspektive argumentiert, wobei aufgrund der Beschaffenheit des Mediums Internet Gegenargumente als persönliche Kritik aufgefasst werden und eine sachliche Diskussion erschwert wird. In Pre-Internet-Zeiten war dies nicht viel anders, da zu jener Zeit noch weniger Informationen zu bekommen waren.

Ansprüche werden vor allem an Kampfsportler gestellt hinsichtlich eines leicht zu erlernenden und unbewaffneten Selbstschutzes, die selten erfüllt werden können. Ich habe selbst (zu) lange gebraucht, um diese Konstellationen zu überblicken und zu entscheiden, daß sie für mich nicht länger Bedeutung haben, unwirksam sind und keinen Wert für die Praxis des Trainings haben. Vor einiger Zeit habe ich den Versuch einer Selbstverortung meines Karate-Trainings unternommen, in dem Selbstverteidigung eher eine untergeordnete Rolle einnimmt. Aber warum Karate trainieren, wenn es ggf. gar nicht um Selbstverteidigung oder „kämpfen können“ in erster Linie geht? Vielleicht weil es keine „fighting art“ in erster Linie ist.

In den letzten Jahren habe ich feststellen müssen, daß mein eigenes Karate-Training wie auch mein -Unterricht schon einige Zeit nicht mehr das Thema Selbstverteidigung behandeln. Entziehe ich mir mit dieser Einsicht die Berechtigung Karate zu unterrichten? Anhand der Ergebnisse meines Trainings wage ich zu behaupten: Nein! Denn mein Schwerpunkt, mittels Karate menschliche Bewegungen und damit die Lebensqualität zu verbessern, funktioniert. Selbstredend, daß „Kämpfen“ und „Selbstverteidigung“ voraussetzen, sich funktional zu bewegen. Im Grunde habe ich mich jenes o.e. Anspruches entledigt, Selbstverteidigung zeigen zu müssen. Weil Karate aus meiner Praxis heraus mittlerweile auf etwas ganz anderes abzielt.

Wer sich schnell und effektiv verteidigen lernen möchte (wobei bei diesen Methoden „schnell“ auch relativ zu sehen ist), der sollte sich eine Waffe besorgen, und damit umgehen lernen. In der Tat habe ich meine Fähigkeit zur Selbstverteidigung (technisch wie mental) weniger aus dem Karate als aus meinem Iaido-Training gewonnen: Einer bewaffneten Kampfkunst, deren Mindset keinen Irrtum darüber zulässt, daß man mit einem Schwert Menschen zu töten übt. Karate dagegen ist methodisch so komplex, daß man einiges tun muss, um an seine Selbstverteidigung „heranzukommen“: Man muss sich des Sportes im Karate entledigen, der damit einhergehenden äußeren Schönheit seiner Bewegungen und den Mythen des Regelwerks, bspw. mit einem Schlag töten zu können. Auch die religionsanalogen Zuschreibungen, Karate als Form des Zen(-Buddhismus) usw. stehen einem „straßenkampf“-bezogenen Karate im Weg. Der Anspruch demokratischer Ordnung mit ihrer Gewaltenteilung ignoriert die Tatsache, daß Karate Waffentechniken beinhaltet. Und wenn man sich technisch und methodisch so aufstellt, daß Selbstverteidigung zum primären Ziel werden kann: was dann? Das Mindset, Menschen zu verletzen und zu töten muss in jedem Fall vermittelt werden. Damit ist zunächst gemeint, einen Menschen ins Gesicht schlagen zu können, einen Kugelschreiber durchs Auge zu stoßen usw. Reicht ein theoretisch auf Selbstverteidigung ausgelegtes Karate dazu aus? Oder ist etwas Weiteres nötig, damit die Anwendung keinem Zögern mehr unterliegt? Und ist dies alles überhaupt Teil der Methodik des Karate?

Ich gehe diese Frage wieder seitens der Praxis an. Betrachte ich unserer Kindergruppen komme ich zu dem Schluss, daß Menschen zu verletzen oder zu töten so ziemlich das letzte ist, was ich Kindern beibringen möchte. Was aber kann Karate-Training Kindern statt dessen geben? Da fällt mir vieles andere ein, das mitunter wichtiger im Leben ist, als jedem auf Maul hauen zu können: Dem Stress, den Schule, Eltern und die Gesellschaft den Kindern angedeihen lassen, mittels physischer und psychischer Gesundheit begegnen zu können; Grenzen ziehen zu können, wenn vor allem die psychische Gesundheit bedroht wird; seinen Körper und sich selbst zu akzeptieren und zu lieben. Unser Unterricht transportiert, sich selbst immer wieder in Frage zu stellen, aber auch die gesellschaftlichen Zwänge dahingehend zu bewerten, ob man sich ihrer besser erwehrt. Auch Eltern vermitteln wir das. Und es kommt an. „Stop! Nicht mit mir“ und der Anti-Mobbing-Tanz sind – wie die Vermittlung einer falschen Sicherheit – nicht Bestandteil unseres Unterrichts.

Unterrichte ich Erwachsene, sind das Lösen chronischer Verspannungen und die Beseitigung von Schmerzen als Resultat der Arbeits- und Familienwelt die erste Maßnahme. Auch die Aussagen ihrer Ärzte und obsoletes Wissen um Sport und Fitness kommen auf den Prüfstand. Nicht alle Gelenkschmerzen sind Arthrose; Liegestütz sind kein Super-Workout usw. Hier kommt die Kunst in der „Kampfunst“ zum Tragen: Die Bewegungsverhältnisse zurück zu bringen auf ein spielerisches Niveau, wieder neugierig zu werden und den Körper nicht als schmückendes Ornament zu betrachten, das nur durch gnadenlose Enthaltsamkeit von Genüssen wertvoll wird. Wie bei den Kindern stellt sich die Frage: Soll ich einen Menschen in seinen beginnenden 30ern derart negativ konditionieren, um ihn zu einer skrupellosen Kampfmaschine zu erziehen? Womöglich verstärke ich seine Traumata, seinen Frust. Dies wäre unverantwortlich.

Anstatt die „fightig art“ zu suchen, die weniger aus einer absoluten Wahrheit besteht als einem Diskurs um Gewalt, stehe ich als Karate-Lehrer in der Pflicht, das Beste für meine Schüler bereit zu stellen. Was sie damit irgendwann in ihrem Leben anstellen, ist ganz allein ihre Sache. Aber ich sehe mich mehr und mehr bestätigt darin, Freude und Selbstakzeptanz zu vermitteln und Menschen wachsen zu sehen, anstatt Traumatisierung und Depersonalisierung zugunsten einer möglichen Fähigkeit zur Selbstverteidigung zu fördern.


Quellen

LOWRY, Dave 2009. The Karate Way: Discovering the Spirit of Practice. Massachusetts: Shambhalla.